Alternative Fischarten für die Aquaponik: Jenseits von Tilapia und Forelle
Tilapia und Forelle gehören zu den bekanntesten Fischarten in der Aquaponik. Für Anlagen in Mitteleuropa kommen jedoch auch andere Arten infrage. Entscheidend ist nicht allein, ob ein Fisch bestimmte Grenzwerte überleben kann. Fischart, Wassertemperatur, Sauerstoffversorgung, Futter, Besatzdichte, Filterleistung und Pflanzenfläche müssen dauerhaft zusammenpassen.
Warum alternative Fischarten interessant sind
Tilapia benötigen für gutes Wachstum warmes Wasser. Forellen stellen dagegen hohe Anforderungen an kühles und sauerstoffreiches Wasser. Je nach Standort und Jahreszeit kann deshalb erheblicher Aufwand für Heizung, Kühlung oder Belüftung entstehen.
Regional etablierte oder für Kreislaufanlagen geeignete Arten können andere Betriebskonzepte ermöglichen. Eine pauschal beste Fischart gibt es jedoch nicht. Vor der Auswahl sollten mindestens folgende Punkte geklärt werden:
- Temperaturverlauf der Anlage im gesamten Jahr
- verfügbare Belüftungs- und Notstromtechnik
- Besatzdichte und angestrebte Futtermenge
- Leistung von Feststoffabscheidung und Biofilter
- Verfügbarkeit geeigneter Jungfische und Futtermittel
- Haltungsziel, Eigenverbrauch oder Vermarktung
- tiergesundheitliche und behördliche Anforderungen
Karpfen: anpassungsfähig, aber nicht anspruchslos
Der Karpfen (Cyprinus carpio) ist eine traditionsreiche europäische Nutzfischart. Er kann mit jahreszeitlichen Temperaturschwankungen besser umgehen als viele tropische Arten und kommt daher grundsätzlich für mitteleuropäische Anlagen infrage.
Seine Widerstandsfähigkeit darf nicht mit Anspruchslosigkeit verwechselt werden. Auch Karpfen benötigen dauerhaft geeignete Sauerstoffwerte, eine funktionierende Feststoffabscheidung und einen eingefahrenen Biofilter. Niedrige Sauerstoffwerte oder erhöhte Konzentrationen von Ammoniak und Nitrit sind keine normalen Betriebszustände.
Karpfen sind Allesfresser. Die tatsächlich in das System gelangende Nährstoffmenge wird vor allem durch Futtermenge, Futterzusammensetzung, Verdaulichkeit, Fischgröße und Temperatur bestimmt.
Afrikanischer Raubwels: Warmwasserart für intensive Systeme
Der Afrikanische Raubwels (Clarias gariepinus) wird in europäischen Kreislaufanlagen gehalten und kann atmosphärische Luft aufnehmen. Diese Anpassung verbessert seine Überlebensfähigkeit bei zeitweiligem Sauerstoffmangel, ersetzt aber keine verlässliche Belüftung.
Die Fähigkeit eines Fisches, schlechte Bedingungen zu überleben, ist kein geeigneter Zielwert für den normalen Anlagenbetrieb.
Der Afrikanische Raubwels ist eine Warmwasserart. Dadurch können in Mitteleuropa relevante Heizkosten entstehen. Intensive Fütterung und proteinreiches Futter erhöhen außerdem die Belastung von Feststoffabscheidung, Biofilter und Sauerstoffversorgung.
Europäischer Wels: großwüchsige Art mit besonderem Platzbedarf
Der Europäische Wels (Silurus glanis) ist eine heimische, räuberisch lebende Fischart. Für eine Aquaponikanlage müssen sein Größenwachstum, sein Fressverhalten und der langfristige Platzbedarf berücksichtigt werden.
Die Art sollte nicht allein wegen ihrer zeitweisen Toleranz gegenüber ungünstigen Bedingungen gewählt werden. Für eine verantwortbare Haltung bleiben stabile Wasserqualität, ausreichend Sauerstoff, passende Beckenabmessungen und eine geeignete Fütterung erforderlich.
Vor einer wirtschaftlichen Nutzung müssen außerdem Absatzweg, Schlachtung, Verarbeitung und die lange Bindung von Beckenvolumen realistisch geplant werden.
Flussbarsch: interessant, aber managementintensiv
Der Flussbarsch (Perca fluviatilis) ist als Speisefisch interessant und kann in kontrollierten Kreislaufsystemen gehalten werden. Im Vergleich zu robusteren Arten verlangt er ein besonders sorgfältiges Management.
Wichtige Voraussetzungen sind eine zuverlässige Sauerstoffversorgung, geringe Belastung durch Ammoniak und Nitrit, ein stabiler Biofilter und eine gleichmäßige Fütterung. Für neue oder noch instabile Anlagen ist der Flussbarsch deshalb nur eingeschränkt geeignet.
Schleie: robuste Art für weniger intensive Konzepte
Die Schleie (Tinca tinca) ist an warme, ruhige und teilweise sauerstoffärmere Gewässer angepasst. Diese natürliche Toleranz bedeutet ebenfalls nicht, dass niedrige Sauerstoffwerte in einer Anlage angestrebt werden sollten.
Schleien können für weniger intensiv betriebene Systeme interessant sein. Ihr Wachstum, die Futteraufnahme und damit auch der Nährstoffeintrag können jedoch geringer ausfallen als bei intensiv gefütterten Arten. Die Pflanzenfläche muss daher an die tatsächliche Futterleistung angepasst werden.
Die Nährstoffleistung wird nicht allein von der Fischart bestimmt
Feste Angaben wie „Gramm Stickstoff pro Kilogramm Fisch und Tag“ sind ohne Angaben zu Futtermenge, Proteingehalt, Verdaulichkeit, Temperatur und Fischgröße nicht aussagekräftig. Für die praktische Systemplanung ist deshalb die tägliche Futtermenge die bessere Ausgangsgröße.
Mit steigender Futtermenge erhöhen sich typischerweise:
- Sauerstoffbedarf der Fische und Mikroorganismen
- Menge der abzuscheidenden Feststoffe
- Ammoniumbelastung des Biofilters
- Nitratangebot für die Pflanzen
- Risiko bei Pumpen-, Belüftungs- oder Stromausfall
Die Pflanzenversorgung muss anhand realer Messwerte beurteilt werden. Neben Stickstoff können unter anderem Kalium, Calcium und Eisen ergänzt werden müssen. Eine bestimmte Fischart garantiert daher keine vollständige Pflanzenernährung.
Orientierung für die Artenwahl
Für einen möglichst robusten Einstieg
Karpfen können eine sinnvolle Option sein, wenn Temperaturverlauf, Besatzdichte und rechtliche Rahmenbedingungen passen. Auch bei robusten Arten sollte zunächst zurückhaltend besetzt und die Futtermenge schrittweise erhöht werden.
Für warme, intensiv betriebene Anlagen
Der Afrikanische Raubwels kann für professionell überwachte Warmwassersysteme interessant sein. Heizenergie, hohe Filterbelastung und Ausfallsicherheit müssen in die Planung einbezogen werden.
Für anspruchsvollere Kreislaufsysteme
Flussbarsch eignet sich eher für Betreiber, die Wasserqualität, Sauerstoffversorgung, Fütterung und Biofilterleistung bereits sicher beherrschen.
Für weniger intensive Konzepte
Schleien können für ruhigere und weniger stark gefütterte Systeme infrage kommen. Entsprechend geringer kann jedoch auch das Nährstoffangebot für die Pflanzen sein.
Mischbesatz nur mit klarer Begründung
Mehrere Fischarten in einem Becken erhöhen die biologische und betriebliche Komplexität. Unterschiede bei Futteraufnahme, Wachstum, Verhalten und Körpergröße können Konkurrenz, Verletzungen oder ungleichmäßige Entwicklung verursachen.
Ein Mischbesatz sollte deshalb nicht als einfache Methode zur besseren Raumnutzung oder zur Schließung von Nährstoffkreisläufen verstanden werden. Er benötigt eine artspezifische Planung und eine besonders genaue Beobachtung.
Recht, Tiergesundheit und Ausbruchssicherheit
Welche Anzeigen, Registrierungen oder Genehmigungen erforderlich sind, hängt unter anderem von Fischart, Nutzungsform, Abgabe oder Vermarktung und dem Standort der Anlage ab. Aquakulturbetriebe können nach tiergesundheitsrechtlichen Vorschriften genehmigungs- oder registrierungspflichtig sein.
Vor dem Besatz sollten deshalb die zuständige Veterinärbehörde und gegebenenfalls die Fischereibehörde kontaktiert werden. Nicht heimische Arten dürfen nicht in natürliche Gewässer entweichen. Unabhängig von der Art müssen Haltung, Fütterung, Wasserqualität und technische Ausstattung den Bedürfnissen der Tiere entsprechen.
Fazit
Alternative Fischarten können Aquaponikanlagen besser an Standort, Klima und Vermarktungsziel anpassen. Entscheidend ist aber nicht die vermeintliche Robustheit einer einzelnen Art. Ein stabiles System entsteht durch einen zurückhaltenden Besatz, geeignetes Futter, ausreichende Belüftung, wirksame Feststoffabscheidung, einen leistungsfähigen Biofilter und regelmäßige Messungen.
Die Auswahl sollte deshalb mit dem realen Temperaturverlauf und dem geplanten Futtereinsatz beginnen. Erst danach lässt sich beurteilen, ob Karpfen, Wels, Flussbarsch, Schleie oder eine andere Art zum jeweiligen System passt.