KAPITEL 02 · 8 MIN. LESEZEIT
Vitamin K2
Biochemische Wirkmechanismen, klinische Evidenz und die Bedeutung fermentativer Prozesse für die Mikronährstoffversorgung

Rubrik: Gesundheit | Vida Vertical
Zusammenfassung
Vitamin K2 (Menachinon) ist ein fettlösliches Vitamin, das in der öffentlichen Wahrnehmung lange im Schatten von Vitamin K1 (Phyllochinon) stand. Aktuelle ernährungsmedizinische Forschung hat jedoch gezeigt, dass K2 eigenständige und unverzichtbare Funktionen im Calciumstoffwechsel, in der Blutgerinnung und in der kardiovaskulären Prävention übernimmt. Der vorliegende Beitrag analysiert die biochemischen Wirkmechanismen von Vitamin K2 als Kofaktor der Gamma-Glutamylcarboxylase, bewertet die klinische Evidenz für die Synergie mit Vitamin D3 und diskutiert die Besonderheiten der bakteriellen Synthese von Menachinon. Ein besonderer Fokus liegt auf der Frage, wie fermentative Prozesse – sowohl im Darmmikrobiom als auch in der Lebensmittelproduktion – die K2-Versorgung beeinflussen und wie der kontrollierte Anbau in hydroponischen und aquaponischen Systemen die Grundlage für eine optimierte Vitamin-K-Versorgung schaffen kann.
1. Einleitung: Vitamin K als funktionelle Gruppe
Vitamin K ist keine einzelne chemische Verbindung, sondern eine Gruppe fettlöslicher Vitamine, die strukturell durch einen gemeinsamen 2-Methyl-1,4-Naphthochinon-Ring verbunden sind. Innerhalb dieser Gruppe werden vier strukturelle Varianten unterschieden: Vitamin K1 bis K4. Für die menschliche Physiologie sind insbesondere zwei Formen relevant:
- Vitamin K1 (Phyllochinon): Primär in grünen Blattgemüsen und Kohlsorten enthalten; hauptverantwortlich für die hepatische Blutgerinnung.
- Vitamin K2 (Menachinon): Bakterieller Herkunft; in fermentierten Lebensmitteln und tierischen Produkten enthalten; verantwortlich für die extrahepatische Calciumverwertung.
Die Unterscheidung zwischen K1 und K2 ist nicht nur akademischer Natur, sondern hat direkte klinische Implikationen: Während K1 vorwiegend die Gerinnungsfaktoren in der Leber aktiviert, übernimmt K2 essenzielle Funktionen in Knochen, Blutgefässen und anderen extrahepatischen Geweben.
2. Biochemische Wirkmechanismen: Die Gamma-Glutamylcarboxylase
2.1 Das Prinzip der Carboxylierung
Die biologische Aktivität aller Vitamin-K-Formen basiert auf ihrer Funktion als Kofaktor des Enzyms Gamma-Glutamylcarboxylase. Dieses Enzym katalysiert die posttranslationale Modifikation spezifischer Glutamatreste in Zielproteinen, indem es eine zusätzliche Carboxylgruppe anfügt. Erst durch diese Carboxylierung werden die sogenannten Vitamin-K-abhängigen Proteine (VKDPs) biologisch aktiv.
2.2 Die drei zentralen Zielproteine
Gerinnungsfaktoren (hepatisch): Die Gerinnungsfaktoren II, VII, IX und X sowie die Proteine C und S werden in der Leber durch Vitamin K aktiviert. Ohne diese Aktivierung wäre die Blutgerinnungskaskade nicht funktionsfähig.
Osteocalcin (Knochen): Osteocalcin wird von den Osteoblasten produziert und ist das häufigste nicht-kollagene Protein der Knochenmatrix. Erst nach der Vitamin-K-abhängigen Carboxylierung kann Osteocalcin Calcium binden und in die Hydroxyapatit-Struktur des Knochens einbauen.
Matrix-Gla-Protein (MGP, Blutgefässe): MGP ist einer der potentesten Inhibitoren der vaskulären Kalzifizierung. Es verhindert, dass sich Calcium in den Arterienwänden und Weichgeweben ablagert. Ein Mangel an aktiviertem MGP führt zur Arterienversteifung und erhöht das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse signifikant.
2.3 Der Vitamin-K-Zyklus
Nach der Carboxylierung wird Vitamin K in seine inaktive Epoxidform umgewandelt. Das Enzym Vitamin-K-Epoxid-Reduktase (VKOR) regeneriert anschliessend die aktive Form. Dieser Zyklus erklärt die hohe Effizienz des Systems: Ein einzelnes Vitamin-K-Molekül kann mehrfach für Carboxylierungsreaktionen verwendet werden.
3. Aufnahme und Transport: Die Rolle der Fettverdauung
Vitamin K2 wird – wie alle fettlöslichen Vitamine – im Rahmen der Fettverdauung vom Körper aufgenommen. Die eigentliche Verdauung findet im Dünndarm statt, wo das Vitamin über Nahrungsfette transportierbar gemacht und in die Enterozyten aufgenommen wird. Von dort gelangt es über die Lymphe in den Blutkreislauf und wird zu den Zielgeweben transportiert.
Diese Abhängigkeit von der Fettverdauung hat praktische Konsequenzen: Eine K2-reiche Mahlzeit sollte stets mit einer Fettquelle kombiniert werden, um die Bioverfügbarkeit zu maximieren.
4. Tagesbedarf und Zufuhrempfehlungen
In Deutschland liegt die Zufuhrempfehlung für Vitamin K (gesamte Gruppe K1 bis K4) für Frauen bei 60 Mikrogramm und für Männer bei 80 Mikrogramm pro Tag. Da dabei nicht zwischen den einzelnen Vitaminen K1 bis K4 unterschieden wird, kann man daraus ein Viertel an Vitamin K2 ableiten. Somit kann man sich an eine tägliche Vitamin-K2-Zufuhr von 15 bis 20 Mikrogramm halten.
Für die kardiovaskuläre Prävention und die Knochengesundheit werden in der klinischen Forschung jedoch häufig höhere Dosen diskutiert, insbesondere bei älteren Erwachsenen und Postmenopausalen Frauen.
5. Nahrungsquellen: Die Besonderheit der bakteriellen Synthese
5.1 Vitamin K1: Pflanzliche Quellen
Vitamin K1 ist vor allem in grünen Gemüsesorten zu finden. Die besten Quellen sind:
- Blattgemüse: Spinat, sämtliche Kohlsorten (Brokkoli, Rosenkohl, Grünkohl)
- Kräuter: Petersilie, Schnittlauch
- Weitere: Kichererbsen, Avocado, Weintrauben
5.2 Vitamin K2: Bakterieller Herkunft
Das spezifische Vitamin K2 ist bakterieller Herkunft. Die Synthese von Menachinon erfolgt durch verschiedene Bakterienstämme, die entweder im menschlichen Darmmikrobiom oder in fermentierten Lebensmitteln aktiv sind. Deshalb findet man K2 vor allem in fermentierten Produkten:
- Käse (insbesondere lang gereifte Sorten)
- Joghurt
- Sauerkraut
- Kimchi
- Natto (fermentierte Sojabohnen – die reichste bekannte K2-Quelle)
Weitere tierische Quellen umfassen Frischkäse, Hering, Leber und Rapsöl.
5.3 Supplementierung: All-Trans Vitamin K2 MK-7
Nimmt man diese Lebensmittel nicht regelmässig in ausreichender Menge zu sich, ist eine Supplementierung empfehlenswert. Dabei sollte man sich für ein Vitamin-K2-Präparat mit der Bezeichnung „All-Trans Vitamin K2 MK-7" entscheiden. Die Bezeichnung MK-7 (Menachinon-7) bezieht sich auf die Seitenkettenlänge des Moleküls. MK-7 weist die längste Halbwertszeit im Blutplasma auf und erreicht daher die extrahepatischen Gewebe (Knochen, Blutgefässe) effektiver als kürzerkettige Menachinone. Das Präfix „All-Trans" kennzeichnet die biologisch aktive Isomerform mit der höchsten Bioverfügbarkeit.
6. Die Synergie mit Vitamin D3: Das Calcium-Paradoxon
6.1 Das Problem der Calciumverteilung
Das positive Zusammenspiel von Vitamin K2 und Vitamin D3 ist in der aktuellen Ernährungsmedizin gut belegt. Vitamin D fördert die intestinale Calciumresorption und stimuliert die Synthese von Osteocalcin und Matrix-Gla-Protein. Ohne ausreichendes Vitamin K2 bleiben diese Proteine jedoch inaktiv (uncarboxyliert).
Das Resultat ist das sogenannte Calcium-Paradoxon: Das resorbierte Calcium findet nicht den Weg in die Knochen, sondern lagert sich in den Arterienwänden und Weichgeweben ab. Dies erhöht paradoxerweise das Risiko für Osteoporose (Knochen erhalten kein Calcium) und Arteriosklerose (Gefässe erhalten zu viel Calcium) gleichzeitig.
6.2 Die Lösung: Aktivierung durch K2
Vitamin K2 löst dieses Paradoxon, indem es die Proteine aktiviert und das Calcium so erst nutzbar macht. Osteocalcin transportiert das Calcium in die Knochenmatrix, während MGP verhindert, dass es sich in den Gefässwänden ablagert.
Viele Nahrungsergänzungsmittel-Hersteller bieten deshalb Kombinationspräparate an, die Vitamin D3 und K2 miteinander verbinden. Für die Knochengesundheit und die kardiovaskuläre Prävention ist diese Kombination evidenzbasiert sinnvoll.
7. Mangelsymptomatik und klinische Konsequenzen
7.1 Knochengesundheit
Durch eine Unterversorgung des Vitamins K2 wird die Knochenmineraldichte herabgesetzt. Ohne aktiviertes Osteocalcin kann Calcium nicht effizient in die Knochenmatrix eingebaut werden. Dies kann langfristig zu Osteoporose führen – insbesondere bei postmenopausalen Frauen und älteren Männern.
7.2 Blutgerinnung
Weitere mögliche Folgen eines K2-Mangels sind Blutgerinnungsstörungen und ein daraus resultierender unverhältnismässig starker Blutverlust bei Verletzungen. Ohne aktivierte Gerinnungsfaktoren kann die Blutgerinnungskaskade nicht vollständig ablaufen.
7.3 Kardiovaskuläres Risiko
Ein Mangel an aktiviertem Matrix-Gla-Protein führt zur vaskulären Kalzifizierung – der Einlagerung von Calcium in die Arterienwände. Dies ist ein unabhängiger Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall.
8. Bezug zu Vida Vertical: K1-Anbau und K2-Fermentation aus kontrollierten Systemen
Als Spezialist für Aquaponik und Hydroponik betrachte ich die Vitamin-K-Versorgung nicht isoliert als Supplementationsfrage, sondern im Kontext der gesamten Lebensmittelproduktion und der mikrobiellen Prozesse, die K2 erst erzeugen.
1. K1-reiches Blattgemüse aus hydroponischem Anbau
In vertikalen Systemen kultiviertes grünes Blattgemüse – Spinat, Grünkohl, Brokkoli, Rucola – liefert Vitamin K1 in höchster Konzentration. Die präzise Steuerung der Nährlösung und des Lichtspektrums in Indoor-Farmen optimiert die Phyllochinon-Synthese der Pflanze. Kurze Ernte-Verzehr-Intervalle erhalten das lichtempfindliche Vitamin in maximaler Konzentration.
2. Fermentation als K2-Produktionsstrategie
Da Vitamin K2 bakterieller Herkunft ist, stellt die Fermentation den direktesten Weg zur K2-Produktion dar. Wer Kohl, Karotten oder anderes Gemüse aus dem eigenen Vertical Garden erntet und durch Milchsäurefermentation zu Sauerkraut oder Kimchi verarbeitet, erzeugt gleichzeitig Vitamin K2. Die Milchsäurebakterien (Lactobacillus, Leuconostoc) synthetisieren während des Gärungsprozesses Menachinone in variablen Mengen.
Die Kombination aus frischem K1-reichem Gemüse und fermentierten K2-reichen Erzeugnissen aus dem eigenen Anbau schafft eine vollständige Vitamin-K-Versorgung ohne den Umweg über tierische Produkte.
3. Das Darmmikrobiom als endogene K2-Quelle
Neben der exogenen Zufuhr über fermentierte Lebensmittel produziert auch das menschliche Darmmikrobiom geringe Mengen an Vitamin K2. Eine ballaststoffreiche Ernährung – idealerweise mit Gemüse aus hydroponischem Anbau – unterstützt die mikrobielle Diversität und damit die endogene K2-Synthese.
4. Aquaponik und die mikrobielle Dimension
In aquaponischen Systemen ist das Verständnis für mikrobielle Prozesse fundamental. Die Nitrifikation im Biofilter wird durch Bakterien durchgeführt – ein Prinzip, das der bakteriellen K2-Synthese in fermentierten Lebensmitteln analog ist. Wer die mikrobiellen Kreisläufe in der Aquaponik versteht, kann dieses Wissen auf die Fermentation in der Küche übertragen und so die K2-Produktion aktiv steuern.
5. Algen als potenzielle K-Quelle
In aquaponischen Systemen oder separaten Photobioreaktoren kultivierte Mikroalgen enthalten geringe Mengen an Vitamin-K-Analoga. Während Algen derzeit keine primäre K2-Quelle darstellen, können sie als ergänzende Mikronährstofflieferanten in einer pflanzenbasierten Ernährung dienen.
9. Fazit
Vitamin K2 ist ein unverzichtbarer Mikronährstoff, der in der öffentlichen Wahrnehmung lange unterschätzt wurde. Seine Funktionen als Kofaktor der Gamma-Glutamylcarboxylase sind für die Blutgerinnung, die Knochenmineralisierung und den Schutz der Blutgefässe vor Kalzifizierung essenziell. Die Synergie mit Vitamin D3 macht K2 zu einem Schlüsselfaktor in der Prävention von Osteoporose und kardiovaskulären Erkrankungen.
Die bakterielle Herkunft von Vitamin K2 eröffnet faszinierende Möglichkeiten für die Eigenversorgung: Durch den Anbau K1-reichen Gemüses in hydroponischen Systemen und die anschliessende Fermentation zu K2-reichen Erzeugnissen lässt sich die Vitamin-K-Versorgung vollständig aus dem eigenen Vertical Garden bestreiten. Wer diese Strategie mit einer ausreichenden Vitamin-D3-Zufuhr kombiniert, schafft die Grundlage für eine optimale Calciumverwertung und langfristige Knochen- und Gefässgesundheit.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnostik. Personen, die blutgerinnungshemmende Medikamente (Antikoagulanzien wie Phenprocoumon oder Warfarin) einnehmen, müssen ihre Vitamin-K-Zufuhr zwingend konstant halten und jede Änderung oder Supplementierung vorab mit ihrem behandelnden Arzt abstimmen.
Literaturverzeichnis:
- Rittenau, N. (2019). Vegan-Klischee ade! Wissenschaftliche Antworten auf kritische Fragen zu vegane Ernährung. 6. Auflage. Ventil Verlag.
- Schurgers, L. J., et al. (2007). The synthetic form of vitamin K2 (MK-7) is more bioavailable and has a longer half-life than MK-4 in humans. Blood, 109(8), 3279–3283.
- Knapen, M. H., et al. (2015). Menaquinone-7 supplementation improves arterial stiffness in healthy postmenopausal women. Thrombosis and Haemostasis, 114(5), 1082–1091.
- DiNicolantonio, J. J., et al. (2015). The health benefits of vitamin K. Open Heart, 2(1), e000300.
- Patel, K. (2020). Vitamin K. Examine.com. Abgerufen von https://examine.com/supplements/vitamin-k/
- Deutsches Apotheken Portal (2019). Kombination von Vitamin D3 und Vitamin K2. Abgerufen von https://www.deutschesapothekenportal.de/
Autor: Uwe | Vida Vertical – Gesundheit


